Warum Hilfe es manchmal noch schlimmer macht – Vermeidungsleid

Zeichnung eines Schmetterlings – VermeidungsleidFoto: Annie Spratt / Unsplash.com

Loslassen fällt mir nicht leicht. Das gilt vor allem für Situationen, in denen ich Hoffnung habe und Potenzial sehe. Wenn ich bemerke, dass ein Mensch leidet und ich zugleich eine Lösung sehe, möchte ich helfen. Das ist ganz natürlich, glaube ich. Trotzdem ist es nicht immer der richtige Weg. Es geht schließlich nicht darum, was ich glaube, sondern darum, was der andere will und was nicht. Schon lange begleitet mich das Sprichwort:

„Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber“

Manchmal sind die Pferde ziemliche Esel und sehr stur. Dann fällt es mir noch schwerer, loszulassen. Im Gegenteil, dann versuche ich sie manchmal zur Tränke zu zerren, gar ihren Kopf unter Wasser zu drücken. Dabei besteht Gefahr, dass sie ertrinken und das will ich ja auch nicht. Tja, also loslassen. Auch das will ich nicht. Helfen ist schließlich etwas Gutes. Oder nicht? Nicht immer. Sehr schön veranschaulicht das die folgende Geschichte aus dem Buch „Mit Ängsten und Sorgen erfolgreich umgehen“* von Jahn Forsyth und Georg Eifert:

Marie und der Kokon des Nachtpfauenauges

Marie findet ein kleines, weiches Kügelchen: den Kokon eines Nachtpfauenauges. Sie nimmt ihn mit nach Hause. Vielleicht kann ich ja sehen, wie ein Falter rauskommt, denkt sie. Tatsächlich wird einige Zeit später eine winzige Öffnung sichtbar: Der Falter fängt an, sich aus dem Kokon herauszuarbeiten. Es dauert sehr lange und scheint außerordentlich mühselig zu sein. Das Tier kommt nur ganz langsam voran und zwischendrin hört es immer wieder ganz auf, sich zu bewegen. „Jetzt steckt es fest“, denkt Marie, „das arme Ding!“ Irgendwann hält sie es nicht mehr aus und beschließt, dem Falter zu helfen. Sie nimmt eine Nadel und vergrößert die Öffnung, sodass das Insekt leicht herausschlüpfen kann. Allerdings sieht es ganz merkwürdig aus. Es hat knitterige Flügel und einen unförmigen, gedrungenen Körper. Marie wundert sich. Vielleicht braucht der Falter ja noch etwas Zeit, um seine Flügel zu entfalten und seinen Körper zu strecken, sodass er fliegen kann. Aber dies wird nicht passieren. Dieses Nachtpfauenauge wird nicht fliegen können. Wieso? In seinem Körper befindet sich eine Flüssigkeit, die dazu dient, die Flügel zu glätten. Dadurch, dass sich das Insekt durch eine kleine Öffnung des Kokons schiebt, wird die Flüssigkeit aus dem Körper in die Flügel gepresst. Geschieht dies nicht, kann die Flüssigkeit nicht aus dem Körper und die Flügel bleiben knittrig. So sind sie nicht zu gebrauchen.

Volkskrankheit „Vermeidungsleid“

Als ich diese Geschichte las, wurde es ganz still in mir. Ich bin eine kleine Marie! Vor allem, wenn es um andere geht. Vielleicht sind die anderen gar nicht immer störrische Esel, sondern könnten wunderschöne Schmetterlinge sein, wenn ich sie nur ließe.

Ich Esel!

Es gab schon einige Menschen in meinem näheren Umfeld, die mich darauf hingewiesen haben, dass ich mich gern in ihre wunden Punkte gesetzt habe. Dass ich sie ganz schön fordere. Häufig habe ich das nicht verstanden. Ich meinte es doch immer nur gut. Das wussten sie, auch wenn sie es manchmal in ihrer Überforderung vielleicht vergaßen. Ich vergaß meist, dass mein Tempo nicht ihres war. Die Not schien so groß. Sie müssen das doch erkennen. Vielleicht taten sie es. Nur waren sie noch nicht bereit für die Schritte, zu denen ich sie drängen wollte. Das Leben ist so kurz, die Welt dreht sich so schnell… Wie unachtsam von mir. Da war ich wohl noch nicht so weit, dies zu erkennen.

Damit bin ich nicht allein. Wie viele Eltern wollen ihre Kinder beschützen und behüten? Und wie viele davon müssen lernen, dass es nicht ohne Schmerz und Leid gehen wird? Tatsächlich brauchen wir gar nicht bei anderen anfangen, sondern sollten uns an die eigene Nase fassen. Wir alle wollen ständig Schmerzen und Leid vermeiden. Das ist unser vierundachtzigstes Problem. Doch ein Leben ohne Leid ist unmöglich. Viel schlimmer als diese Erkenntnis ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Vermeidung von Leid dazu führt, dass wir Vermeidungsleid empfinden.

Beispiele für Vermeidungsleid

Es gibt so unglaublich viele Menschen, denen es schwerfällt, ‚Nein‘ zu sagen. Aus Angst vor Ablehnung, Zurückweisung oder anderen negativen Konsequenzen. Bei den meisten dauert es jedoch nicht lang, bis sich andere unerwünschte Konsequenzen einstellen, das Vermeidungsleid: Unzufriedenheit und Überforderung, Frust und Wut auf sich selbst und sogar Ohnmachtsgefühle, weil andere sie ausnutzen und mit ihnen machen, was sie wollen.

Beziehungsängste führen häufig zu Vermeidungsleid. Aus Angst vor Zurückweisung, davor, betrogen oder hintergangen zu werden oder Sorge, Freiheit und Eigenständigkeit aufgeben zu müssen, werden Beziehungen beendet, noch bevor sie begonnen haben. Sich verletzlich zu machen ist für viele Menschen extrem schwer. Unverbindliche Beziehungen haben jedoch oft keine Tiefe oder Beständigkeit, geben keine Sicherheit oder Geborgenheit. Stattdessen kommen Gefühle der Einsamkeit, Torschlusspanik (vor allem bei gleichzeitig vorhandenem Kinderwunsch) und manchmal auch eine Leere. Diese wird ebenfalls gern vermieden oder betäubt… eine Abwärtsspirale.

Und ich? Ich vermeide es eben gern, loszulassen. Aus Angst etwas oder jemanden zu verlieren. Doch Festhalten bringt auch nichts. Die Esel ertrinken mir dann zwar nicht, dafür nehmen sie Reißaus. Auch eine Abwärtsspirale oder besser eine Art selbst-erfüllende Prophezeiung.

Also was tun?

Bereitschaft entwickeln. Bereitschaft für das, was da kommen mag. Es wird nicht leicht, das wird es nie in diesem Leben. Druck erzeugt Gegendruck. Das weiß ich und habe ich schon oft erlebt. Jetzt versuche ich etwas Neues. Es fällt noch schwer, aber ich versuche es. Um auch das in ein Sprichwort zu packen:

„If you love something set it free. If it comes back it’s yours. If not, it was never meant to be.“

 

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