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Depression Slam – Sabrina Benaim sagt es laut

Depressionen sind eine sehr ernst zu nehmende Krankheit: Die Wahrscheinlichkeit im Leben irgendwann unter einer Depression zu leiden (= Lebenszeit-Prävalenz) liegt bei 19%. Frauen sind mit 25% deutlich häufiger betroffen als Männer mit 12% (Quelle: Robert Koch-Institut).
Das sind erstmal ’nur‘ Wahrscheinlichkeitswerte. Doch auch das Bundesgesundheitsministerium hebt hervor:

„Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Schätzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen unter einer Depression. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen oder affektive Störungen laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein.“
(Quelle: Bundesgesundheitsministerium.de)

Das sind sehr viele Menschen und eine eher schlechte Prognose. Und dennoch – oder gerade deswegen – heißt es von einigen Skeptikern, dass eine Depression meist „nur vorgeschoben“ sei, zum Beispiel, um sich vor etwas zu drücken oder weil man eigentlich einen schwachen Willen habe. Man solle sich nicht so anstellen und einfach mal wieder was machen. Aufstehen.

Depression Slam – „Explaining My Depression to My Mother“

Leichter gesagt als getan. Das wissen nicht nur Menschen, die unter Depressionen leiden, sondern alle, die sich schon einmal nicht motivieren konnten, etwas zu tun, von dem sie wussten, dass es ihnen gut tun würde. Wie sich depressive Störungen anfühlen können und wie schwer es sein kann, damit umzugehen, demonstriert Sabrina Benaim in ihrer eindrucksvollen Performance (ich nenne es „Depression Slam“) „Explaining My Depression to My Mother“:

Für mich extrem authentisch und sehr berührend. Wenngleich ich bislang zum Glück nie derlei depressive Episoden erleben musste, kann ich ihren Leidensdruck nachempfinden. Sie transportiert ihre Emotionen unglaublich gut.

Meine drei Highlights des Depression Slams:

„Meine Mutter sagt: ‚Warum gehst du nicht zu richtigen Partys – um deine Freunde zu sehen?‘ Klar, ich mache Pläne. Ich plane, aber ich will gar nicht hingehen. Ich plane, weil ich weiß, dass es besser wäre, wenn ich hingehen wollen würde. Manchmal wäre ich auch gern hingegangen, aber es ist nicht so lustig Spaß zu haben, wenn du gar keinen Spaß haben willst, Mama.“

Mach doch einfach mal…

Wenn einfach nur so einfach wäre. Wie Sabrina verdeutlicht, ist es meist nicht so, dass unter Depressionen leidende Menschen nicht wissen, was klug oder hilfreich für sie wäre, sondern es hapert an der Umsetzung. Die (emotionale) Antriebslosigkeit ist Kern des Problems. Angehörige wie Sabrinas Mutter meinen es dann meist nur gut und wollen motivieren, indem sie Vorschläge machen. Doof nur, dass diese leider auch das Gegenteil bewirken können. Betroffene fühlen sich manchmal dadurch gedrängt etwas zu tun, was sie nicht wollen. Das erzeugt (Erwartungs-) Druck und der belastet – ggf. auch die Beziehung zueinander. Dennoch ist hinlänglich bekannt, dass Aktivität einer der effektivsten Wege aus der Depression ist. Daher ist es hilfreich, wenn beide Seiten miteinander kommunizieren, Rücksicht nehmen, und schauen wann was geht und wann nicht. In der Psychologie gilt: Mittelschwere Herausforderungen sind am hilfreichsten um neue Wege zu gehen. Gemeinsam einzelne Schritte planen kann helfen.

„Mama, ich bin einsam. Ich glaube, als Papa gegangen ist, lernte ich, wie man Wut in Einsamkeit verwandelt und Einsamkeit in beschäftigt sein. Und wenn ich sage, dass ich in letzter Zeit total beschäftigt war, dann meine ich damit, dass ich auf der Couch einschlief, während ich Sport im Fernsehen schaute, um zu verhindern, dass ich mich mit der leeren Seite meines Bettes konfrontiere. Doch meine Depression zerrt mich immer wieder zurück ins Bett.“

Verdrängung kann wirksam sein, aber selten nachhaltig

Unangenehme Gefühle hat niemand gern. Die wollen wir genauso schnell loswerden wie unsere Probleme – ein bekanntes und beliebtes Problem. Viele Menschen versuchen Gefühle, die sie nicht haben wollen, zu verdrängen, indem sie sich zum Beispiel davon ablenken. Kurz- und mittelfristig mag das gut funktionieren, doch in den meisten Fällen holt uns diese Art des Umgangs mit Emotionen irgendwann ein, meist gibt es dann die volle Breitseite. Wie in Brené Browns TED Talk gehört, führt eine „Betäubung“ meist dazu, dass dann alles betäubt ist, wir evtl. nichts mehr empfinden und damit auch die positiven Gefühle trüben. Die entstehende Leere ist ein typisches Symptom von Depressionen. Daher ist es so wichtig, Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren – gerade die schlechten. Das gilt auch für depressive Phasen. Wichtig ist, sich gleichzeitig bewusst zu machen, dass unsere Gefühle nur ein Teil von uns sind und wir selbst entscheiden, wie viel Macht wir ihnen geben. Daran können Angehörige die Betroffenen versuchen zu erinnern:
Ich habe ein Gefühl, ich bin das Gefühl nicht.

„Meine Mutter versteht es immer noch nicht. Mama, kannst du denn nicht sehen, dass ich es selbst nicht verstehe?“

Geduldig sein und akzeptieren, dass Depressionen schlecht greifbar sind

Welch große Verzweiflung: Sich selbst und sein Verhalten erklären zu müssen, ohne es selbst zu verstehen. „Es ist was es ist“ – sagt nicht nur die Liebe. Depressionen sind komplex und sie können sich verändern. Manche Tage sind gut, andere schlecht. Manchmal geht es einen Schritt vor und gleich wieder zwei zurück. Das ist auf den ersten Blick nicht schön, aber ok. Veränderungen brauchen Zeit und da hilft nur Geduld – von allen Seiten – wenngleich klar ist, dass diese Tugend in unserer schnelllebigen Welt immer seltener vorhanden ist.

 

So ein Depression Slam hat ganz schön viel Stoff.

 

Wie findet ihr die Performance von Sabrina Benaim und was sind eure Erfahrungen im Umgang mit Depressionen zwischen Betroffenen und Angehörigen?

All that we share – bewegendes Video von TV2 Denmark

Bist du in der Schulzeit ein Klassenclown gewesen?

Wenn ich daran denke, dass ich einmal im Unterricht so authentisch wie ein Huhn gegackert habe, dass der Lehrer irritiert aus dem Fenster schaute und die Klasse vor Lachen auf dem Boden lag, dann lautet die Antwort JA.
Doch beim Gedanken an meine Mitschüler fallen mir einige unter ihnen ein, die mehr Klassenclown waren als ich. Mit denen hatte ich nicht viel gemein – oder doch? Mit einem von ihnen habe ich einmal in seinem Zimmer eine kleine Playbackshow gemacht. Das hätte damals (wie heute) wahrscheinlich niemand vermutet.

Sowieso ist es spannend, wie unterschiedlich sich Leben entwickeln. Menschen kommen, Menschen gehen. Manche verändern sich, andere scheinen immer noch dieselben zu sein. Ich habe eine Freundin, die einerseits dieselbe wie früher geblieben ist und andererseits ganz anders wurde. Sie war zur Schulzeit so ganz anders als ich. Doch wir hatten denselben Freundeskreis. Heute, über zehn Jahre später haben wir festgestellt, dass wir einiges teilen, das uns von unseren Freunden unterscheidet. Sie wohnt heute in Dänemark und wir sehen uns selten. Doch wir haben in den letzten Jahren ähnliche Erfahrungen gemacht und vergleichbare Entscheidungen getroffen. Verrückt.

All that we share – Gemeinsamkeiten verbinden

In Dänemark wurde vor einigen Tagen ein Social Video veröffentlicht, das diese ungeahnten Gemeinsamkeiten beleuchtet. Der Fernsehsender TV2 zeigt mit „All that we share“, dass wir Menschen -so unterschiedlich wir auch scheinen mögen- durch ähnliche Erfahrungen verbunden sind:

Ein ziemlich eindrucksvolles und mutiges Experiment. Vor allem auch eine wichtige Erinnerung in unruhigen Zeiten. Hier noch einmal die Fragen aus dem „All that we share“ Video:

  • Wer von euch war ein Klassenclown?
  • Wer von euch sind Stiefeltern?
  • Wer glaubt an ein Leben nach dem Tod?
  • Wer hat UFOs gesehen?
  • Wer liebt es, zu tanzen?
  • Wer wurde gemobbt?
  • Wer hat gemobbt?
  • Wer hatte in der letzten Woche Sex?
  • Wer fühlt sich einsam?
  • Wer ist verliebt bis über beide Ohren?
  • Wer hat Liebeskummer?
  • Wer ist bi-sexuell?
  • Wer würdigt den Mut anderer?
  • Wer hat den Sinn des Lebens gefunden?
  • Wer hat schon ein Leben gerettet?
  • Wer liebt Dänemark?

All that we share – today and everyday

Wenn wir es schaffen, mit diesem Verbundenheitsgefühl durch das Leben zu gehen, dann ermöglichen wir Gemeinschaft und Mitgefühl. Wenn ich das nächste Mal an der Kasse die Augen verdrehen will, weil die Person vor mit Ewigkeiten braucht, versuche ich mich zu erinnern, dass es mir auch schon so ging. Dieses Mitgefühl hilft nicht nur anderen, sondern auch mir selbst. Es ermöglicht es mir, ruhiger und gelassener zu werden und nicht in meine typische Anspannung zu verfallen.

Weitergedacht, wünsche ich mir, dass ich Menschen akzeptieren kann, wie sie sind, auch wenn sie anders sind erscheinen.

Embrace change differences.

Screenshot aus All that we share

Offen zu sein für Veränderung ist wichtig. Offen für Unterschiede zu sein auch. Wenn ein Mensch, denn du liebst, nicht gegensätzlicher sein kann, dann nervt das manchmal vielleicht. Doch es birgt auch die Chance, sich zu ergänzen. Es birgt eine Vielfalt. Neben den ganzen Unterschieden gibt es auch eine Menge Gemeinsamkeiten. Es liegt an uns, worauf wir den Fokus legen. Das gilt sowohl für persönliche Beziehungen als auch zwischen Gruppen.

Es kann immer ein „Die“ geben, doch es gibt auch immer ein „Uns“.

 

Was sind deine Gedanken zum Clip?
Gibt es etwas, dass du dir im Bezug auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten vornehmen möchtest?