Schlagwort: Leid

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen… [Werbung]

Ich hasse Abschiede. Schon immer. Den wohl prägendsten Abschied hatte ich mir meiner Großmutter. Ich war zwölf Jahre alt und ziemlich unbedarft. Oma stand für mich immer für Geborgenheit. Sie war ein bisschen dicklich und unheimlich kuschelig. Und doch entschied ich mich, an jenem Morgen gegen eine Umarmung zum Abschied.

Ich bin doch morgen schon wieder da.

So meine Erklärung. Und ich war am nächsten Tag wieder da. Oma nicht. Sie war völlig überraschend in der Nacht entschlafen. Ein Schock für die ganze Familie und ein Abschied, den ich nie vergessen habe. Weiterlesen

Warum Hilfe es manchmal noch schlimmer macht – Vermeidungsleid

Zeichnung eines Schmetterlings – Vermeidungsleid

Loslassen fällt mir nicht leicht. Das gilt vor allem für Situationen, in denen ich Hoffnung habe und Potenzial sehe. Wenn ich bemerke, dass ein Mensch leidet und ich zugleich eine Lösung sehe, möchte ich helfen. Das ist ganz natürlich, glaube ich. Trotzdem ist es nicht immer der richtige Weg. Es geht schließlich nicht darum, was ich glaube, sondern darum, was der andere will und was nicht. Schon lange begleitet mich das Sprichwort:

„Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber“

Manchmal sind die Pferde ziemliche Esel und sehr stur. Dann fällt es mir noch schwerer, loszulassen. Im Gegenteil, dann versuche ich sie manchmal zur Tränke zu zerren, gar ihren Kopf unter Wasser zu drücken. Dabei besteht Gefahr, dass sie ertrinken und das will ich ja auch nicht. Tja, also loslassen. Auch das will ich nicht. Helfen ist schließlich etwas Gutes. Oder nicht? Nicht immer. Sehr schön veranschaulicht das die folgende Geschichte aus dem Buch „Mit Ängsten und Sorgen erfolgreich umgehen“* von Jahn Forsyth und Georg Eifert: Weiterlesen

Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott [Filmvorstellung]

Bevor ihr mich, SMIZING und den folgenden Film bewertet, gar verurteilt, haltet einen Moment inne und lest noch ein bisschen weiter. „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ ist eine Geschichte über etwas, das uns alle verbindet: Verlust und den damit verbundenen Schmerz. William Paul Young schrieb die Geschichte ursprünglich für seine Kinder. Er wollte ihnen zu Weihnachten eine Geschichte erzählen, die zentrale emotionale Themen der Menschheit aufgreift.

Darum geht es in „Die Hütte“

Mack ist stolzer Vater von drei Kindern und hat eine bezaubernde Frau. Als er allein mit seinen Kindern zum Campen fährt, wird seine Jüngste, Missy, entführt und ermordet. Eine „große Traurigkeit“ überkommt die Familie und sie erscheint daran zu zerbrechen. Vier Jahre nach dem schlimmen Ereignis erhält Mack eine mysteriöse Nachricht – von „Gott“. Er lädt ihn ein, zurück an den Ort des Grauens zu kommen. Irritiert und neugierig zugleich folgt Mack der Einladung. Es beginnt eine Reise zu den tiefsten Tiefen seiner Persönlichkeit.

Weiterlesen

Depression Slam – Sabrina Benaim sagt es laut

Depressionen sind eine sehr ernst zu nehmende Krankheit: Die Wahrscheinlichkeit im Leben irgendwann unter einer Depression zu leiden (= Lebenszeit-Prävalenz) liegt bei 19%. Frauen sind mit 25% deutlich häufiger betroffen als Männer mit 12% (Quelle: Robert Koch-Institut).
Das sind erstmal ’nur‘ Wahrscheinlichkeitswerte. Doch auch das Bundesgesundheitsministerium hebt hervor:

„Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Schätzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen unter einer Depression. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen oder affektive Störungen laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein.“
(Quelle: Bundesgesundheitsministerium.de)

Das sind sehr viele Menschen und eine eher schlechte Prognose. Und dennoch – oder gerade deswegen – heißt es von einigen Skeptikern, dass eine Depression meist „nur vorgeschoben“ sei, zum Beispiel, um sich vor etwas zu drücken oder weil man eigentlich einen schwachen Willen habe. Man solle sich nicht so anstellen und einfach mal wieder was machen. Aufstehen.

Depression Slam – „Explaining My Depression to My Mother“

Leichter gesagt als getan. Das wissen nicht nur Menschen, die unter Depressionen leiden, sondern alle, die sich schon einmal nicht motivieren konnten, etwas zu tun, von dem sie wussten, dass es ihnen gut tun würde. Wie sich depressive Störungen anfühlen können und wie schwer es sein kann, damit umzugehen, demonstriert Sabrina Benaim in ihrer eindrucksvollen Performance (ich nenne es „Depression Slam“) „Explaining My Depression to My Mother“:

Für mich extrem authentisch und sehr berührend. Wenngleich ich bislang zum Glück nie derlei depressive Episoden erleben musste, kann ich ihren Leidensdruck nachempfinden. Sie transportiert ihre Emotionen unglaublich gut.

Meine drei Highlights des Depression Slams:

„Meine Mutter sagt: ‚Warum gehst du nicht zu richtigen Partys – um deine Freunde zu sehen?‘ Klar, ich mache Pläne. Ich plane, aber ich will gar nicht hingehen. Ich plane, weil ich weiß, dass es besser wäre, wenn ich hingehen wollen würde. Manchmal wäre ich auch gern hingegangen, aber es ist nicht so lustig Spaß zu haben, wenn du gar keinen Spaß haben willst, Mama.“

Mach doch einfach mal…

Wenn einfach nur so einfach wäre. Wie Sabrina verdeutlicht, ist es meist nicht so, dass unter Depressionen leidende Menschen nicht wissen, was klug oder hilfreich für sie wäre, sondern es hapert an der Umsetzung. Die (emotionale) Antriebslosigkeit ist Kern des Problems. Angehörige wie Sabrinas Mutter meinen es dann meist nur gut und wollen motivieren, indem sie Vorschläge machen. Doof nur, dass diese leider auch das Gegenteil bewirken können. Betroffene fühlen sich manchmal dadurch gedrängt etwas zu tun, was sie nicht wollen. Das erzeugt (Erwartungs-) Druck und der belastet – ggf. auch die Beziehung zueinander. Dennoch ist hinlänglich bekannt, dass Aktivität einer der effektivsten Wege aus der Depression ist. Daher ist es hilfreich, wenn beide Seiten miteinander kommunizieren, Rücksicht nehmen, und schauen wann was geht und wann nicht. In der Psychologie gilt: Mittelschwere Herausforderungen sind am hilfreichsten um neue Wege zu gehen. Gemeinsam einzelne Schritte planen kann helfen.

„Mama, ich bin einsam. Ich glaube, als Papa gegangen ist, lernte ich, wie man Wut in Einsamkeit verwandelt und Einsamkeit in beschäftigt sein. Und wenn ich sage, dass ich in letzter Zeit total beschäftigt war, dann meine ich damit, dass ich auf der Couch einschlief, während ich Sport im Fernsehen schaute, um zu verhindern, dass ich mich mit der leeren Seite meines Bettes konfrontiere. Doch meine Depression zerrt mich immer wieder zurück ins Bett.“

Verdrängung kann wirksam sein, aber selten nachhaltig

Unangenehme Gefühle hat niemand gern. Die wollen wir genauso schnell loswerden wie unsere Probleme – ein bekanntes und beliebtes Problem. Viele Menschen versuchen Gefühle, die sie nicht haben wollen, zu verdrängen, indem sie sich zum Beispiel davon ablenken. Kurz- und mittelfristig mag das gut funktionieren, doch in den meisten Fällen holt uns diese Art des Umgangs mit Emotionen irgendwann ein, meist gibt es dann die volle Breitseite. Wie in Brené Browns TED Talk gehört, führt eine „Betäubung“ meist dazu, dass dann alles betäubt ist, wir evtl. nichts mehr empfinden und damit auch die positiven Gefühle trüben. Die entstehende Leere ist ein typisches Symptom von Depressionen. Daher ist es so wichtig, Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren – gerade die schlechten. Das gilt auch für depressive Phasen. Wichtig ist, sich gleichzeitig bewusst zu machen, dass unsere Gefühle nur ein Teil von uns sind und wir selbst entscheiden, wie viel Macht wir ihnen geben. Daran können Angehörige die Betroffenen versuchen zu erinnern:
Ich habe ein Gefühl, ich bin das Gefühl nicht.

„Meine Mutter versteht es immer noch nicht. Mama, kannst du denn nicht sehen, dass ich es selbst nicht verstehe?“

Geduldig sein und akzeptieren, dass Depressionen schlecht greifbar sind

Welch große Verzweiflung: Sich selbst und sein Verhalten erklären zu müssen, ohne es selbst zu verstehen. „Es ist was es ist“ – sagt nicht nur die Liebe. Depressionen sind komplex und sie können sich verändern. Manche Tage sind gut, andere schlecht. Manchmal geht es einen Schritt vor und gleich wieder zwei zurück. Das ist auf den ersten Blick nicht schön, aber ok. Veränderungen brauchen Zeit und da hilft nur Geduld – von allen Seiten – wenngleich klar ist, dass diese Tugend in unserer schnelllebigen Welt immer seltener vorhanden ist.

 

So ein Depression Slam hat ganz schön viel Stoff.

 

Wie findet ihr die Performance von Sabrina Benaim und was sind eure Erfahrungen im Umgang mit Depressionen zwischen Betroffenen und Angehörigen?

Das vierundachtzigste Problem – und seine Lösung

Mensch hält Papier mit unzufriedenem Smiley vors Gesicht - Das vierundachtzigste Problem

Frage jemanden nach dem Befinden und ich wette, dass es nicht lange dauert, bis du die ersten Klagen hörst. Manchmal ertappe ich mich selbst, wenn ich im Jammer-Modus bin. Dann gehe ich mir meist auch selbst auf die Nerven. Auf Reisen habe ich schon oft gehört, dass wir Deutschen den Ruf haben, viel zu nörgeln und mit einem romanartigen Monolog auf ein „How are you?“ antworten. Ob ein „Fine thanks – and you?“ allerdings immer besser oder authentischer ist, wage ich auch zu bezweifeln.

Das vierundachtzigste Problem – die Geschichte

Doch was haben wir von diesen ganzen Problemen? In jedem Fall beschäftigen sie uns sehr viel. Dabei legen wir unseren Fokus sehr unterschiedlich. Mal ist es die Partnerschaft, dann der Job und manchmal auch einfach die Langeweile. Rapper Jay-Z hat unseren Problem-orientieren Lebensstil in seinem Song „99 Problems“ aufgegriffen.
Wenn ich heute in meinen Jammer-Modus verfalle, versuche ich mich an einen Dialog zwischen einem armen Bauern und Buddha zu erinnern:*

Der Bauer wandte sich verzweifelt an Buddha und berichtete von seinem Leid. Er hatte Schwierigkeiten in der Landwirtschaft, mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern und erhoffte sich Buddhas Hilfe. „Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen“ antwortete Buddha. Der Bauer schimpfte und Buddha erwiderte: „Weißt du, alle Menschen haben dreiundachtzig Probleme. Das ist die traurige Wahrheit. Einige verschwinden ab und zu, aber es dauert nicht lang, bis sich dafür andere einstellen. Wir haben also immer dreiundachtzig Probleme.“ Verärgert stieß der Bauer hervor: „Wozu ist die Lehre dann gut?“

Buddha antwortete: „Meine Lehre bietet keine Hilfe bei den dreiundachtzig Problemen, aber sie kann vielleicht beim vierundachtzigsten Problem helfen.

Das vierundachtzigste Problem ist, dass wir keine Probleme haben wollen.“

Tja, da ist was dran. Als ich diese Geschichte zum ersten Mal in dem Buch „Zen sein – Zen leben“ von Ezra Bayda** las, hatte ich einen kleinen Aha-Effekt. Ich fühlte mich ertappt.

Das vierundachtzigste Problem – die Erkenntnis

Ich möchte keine Angst haben, dass die Pläne meiner Selbstständigkeit vielleicht nicht aufgehen könnten. Krank sein möchte ich schon gar nicht, vor allem wenn ich es bin. Ich möchte nicht verlassen werden und ich möchte keinen nervigen Chef oder Kollegen. Ach ja, am liebsten hätte ich Harmonie und keine Probleme. Die gilt es zu vermeiden. Da ist es, das böse Konzept: Vermeidung. Wenn es keine Vermeidung ist, dann zumindest Widerstand. Wir wehren uns dagegen, uns mit unserem Leben so zu konfrontieren, wie es ist, denn das bedeutet, unsere Vorstellungen darüber aufzugeben, wie unser Leben sein sollte. Das geht natürlich nicht, denn das könnte bedeuten, dass wir unsere Kontrolle aufgeben müssen. Das macht Angst, Angst Bekanntes aufzugeben (selbst wenn es uns unglücklich macht). Also Widerstand!

Das vierundachtzigste Problem – der Widerstand

Mit Widerstand verfestigen wir unsere Probleme allerdings meist. Wir geben ihnen Macht über uns. Die Angst treibt uns weiter in die Vermeidung. Wir vergeuden extrem viel Energie, doch das fällt uns selten auf. Oft bemerken wir auch nicht, wie sehr wir in unseren Ängsten und Mustern gefangen sind. Manchmal ertappe ich mich, wenn ich in meinen Verlustängsten gefangen bin: Ich erwarte, dass jemand sich meldet und wenn dies ausbleibt, geht der Gedankenkreisel an. Also Ablenkung: Raus aus der Situation und Handy weg. Puh, gar nicht so leicht. Häufig gelingt es mir noch nicht.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass du bewusst an deinem Leid festhalten möchtest.

Diesen Satz finde ich sehr spannend und leider manchmal zutreffend (denn es macht mich ja unglücklich und das will ich ja nicht => Das vierundachtzigste Problem).

Raum mit vielen Türen - Das vierundachzigste Problem

Den Widerstand überwinden

Schnell ergibt sich jetzt die Frage nach dem „Warum“. Doch ist diese Frage hilfreich? Selten – zumindest für mich. Ich spüre vielmehr, dass beim Thema Festhalten und Widerstand ein anderes – mir eher unangenehmes – Konzept aufkommt: Loslassen. Sagen wir es einmal so: Wenn das gerade angesprochene Ablenken schwierig ist, erscheint mir Loslassen nahezu unmöglich. Doch machen wir nicht den zweiten vor dem ersten Schritt.

Der erste Schritt um den Widerstand zu überwinden ist ihn wahrzunehmen und zu beobachten, ohne zu bewerten. In dem Augenblick, in dem ich meine schlotternden Knie oder die schwitzigen Hände wahrnehme, und versuche zu benennen und zu beschreiben, bin ich nicht mehr so sehr in meiner Emotion gefangen.

Im zweiten Schritt geht es darum, den aktuellen Zustand zu akzeptieren. Ich weiß, dass meine Verlustängste übertrieben sind und das es nicht hilft zu schauen, wie oft jemand online war und mir trotzdem nicht geschrieben hat (wie dreist, immerhin bin ich der Nabel der Welt). Doch ich weiß auch, dass ich aktuell nicht so weit bin, es zu unterlassen, obwohl ich schon eine Weile übe.

Das ist okay!

Es ist vollkommen in Ordnung und logisch, dass Verhaltensmuster sich nicht von heut auf morgen ändern, wenngleich wir das gern hätten. Zu akzeptieren, dass ich Verlustängste habe (die ich nicht haben will) und zu akzeptieren, dass ich meinem Anspruch, diese im Affenzahn zu überwinden, nicht gerecht werde, ist nicht leicht. Doch auch hier ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Darum ist mein Schlüssel üben, üben, üben.

Zur Erinnerung:

Das heißt nicht, dass ich durch Übung anstrebe, keine Probleme mehr zu haben. Vielmehr geht es darum, zu verstehen, dass der Wunsch nach Problemfreiheit unsere Probleme verstärkt. Mein Credo ist daher: damit umgehen statt dagegen angehen.

 

Was meint ihr? Ist das vierundachtzigste Problem vielleicht auch sinnvoll? Wollt ihr festhalten oder loslassen? Was sind eure Widerstände und wie geht ihr mit ihnen um?

 

 

*Aus: BAYDA, EZRA (2003): „Zen sein – Zen leben“. München: Goldmann (S.60f)
Erhältlich bei Amazon.de**

**Dies ist ein Amazon-Affiliate-Link. Das bedeutet, dass ich bei jedem User, der über diesen Link zu Amazon.de gelangt und kauft, bis zu 10% Provision auf den entstandenen Warenkorb bekomme.