„Was soll man da machen“ – sagst du „man“ statt „ich“?

Es heißt, die Augen sind der Spiegel der Seele. Das finde ich schlüssig. Gleichzeitig finde ich auch, dass unsere Sprache ein Spiegel unserer Seele sein kann. Dabei fällt mir ein Wort besonders häufig auf: das Indefinitpronomen man.

Ok, das waren viele Aspekte. Nochmal auseinander gedröselt:

Das Indefinitpronomen man

„Indefinitpronomen sind Pronomen, die verwendet werden, um auszudrücken, dass die vom Pronomen bezeichnete(n) Person(en) oder Dinge nicht bekannt oder nicht weiter wichtig ist/sind, „Man“ und „jemand“ sind Indefinitpronomina.“
Wörterbuch für Deutsch als Fremdsprache von PONS Online

Typische Beispiele:
„Ist jemand Zuhause?“, „Kann mir einer helfen?“, „Muss man dort einen Dresscode beachten?“

Es gab eine Zeit, da haben aberwitzige Menschen mit „Man nicht, du schon“ geantwortet. Hier zeigt sich schon die Gefahr, die ich in der Verwendung des Indefinitpronomen man sehe. Man kann damit Distanz schaffen. Und wir Menschen nutzen das gerne, um uns und unsere Schwächen zu verstecken.

Man sollte sich seine eigenen Fehler und Schwächen eingestehen

Fangen wir vermeintlich harmlos an. Selbstunsichere Menschen nutzen Sätze wie Darf man sich das mal ausleihen?“ und vermeiden damit, dreist zu wirken.

Wer hilflos ist oder keinen Rat weiß, fragt: „Was soll man da machen?“ Im Allgemeinen sind allgemeine Ratschläge eher selten hilfreich. Deutlich effektiver ist es, preiszugeben, wie man selbst in der Situation handeln würde. Sprich, was ich da machen würde. Sollte ich keine Idee haben, ist es keine Schande zuzugeben, dass ich es selbst nicht wüsste. Im Gegenteil, es gibt dem Hilfesuchenden das Gefühl, dass andere Menschen auch überfordert werden.

Damit sind wir wieder beim Thema Schwäche und Verletzlichkeit zeigen. Etwas, dass vielen von uns schwerfällt. Sowas ist uns unangenehm. Das wollen wir weghaben, verdrängen oder zumindest vor anderen verstecken.

Doch wir sind alle mal schwach. Das ist menschlich und es macht uns vor anderen menschlich. Daher sollten wir uns unsere Fehler und Schwächen eingestehen und sie dann auch versuchen anderen zu zeigen. Macht das Leben viel entspannter.

Man schütze sich vor unzulässigen Verallgemeinerungen

Von meinem Mathelehrer gelernt und heute modifiziert: Wir sollten uns all von unzulässigen Verallgemeinerungen schützen. Jeder Mensch ist anders und bewertet anders. Machen wir uns selbst runter, ist das sehr tragisch. Schaden wir anderen, ist das gemein und feige. Meist sind die Gemeinheiten, die wir anderen antun, der Spiegel unserer eigenen Person und (empfundenen) Inkompetenz oder Schwäche. Für den anderen ist es dann gar nicht leicht, das nicht persönlich zu nehmen.

„Der kann einem nur leidtun.“

Das ist ein Satz, der in meinem Augen niemandem hilft. Eine unzulässige Verallgemeinerung über das Indefinitpronomen einem. Es ist eine Bewertung, die dem angeblich Leidtragendem nicht aus seiner Situation hilft. Im Gegenteil, er wird stigmatisiert und dann auch noch hinter seinem Rücken (erkennbar an „der“ statt „du“). Der Einzige, dem dieser Satz ‚helfen‘ kann, ist der Sprecher. Entweder wird ihm Mitgefühl zugesprochen – da er sich um die Situation des Leidtragenden zumindest so weit schert, dass er sie analysiert hat – oder er bekommt Macht, weil er eine Beurteilung über den Leidtragenden verbreitet – zumindest solange niemand widerspricht.

Ich erwische mich, wie ich intuitiv denke: „Der Sprecher dieses Satzes kann einem leidtun.“ Und schon bin ich selbst in die Falle getappt. Daher heißt es: Üben, üben, üben.

Das ist mir noch zu allgemein: Ich möchte üben, weiter meine Sprache zu reflektieren.
Machst du mit?

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